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Mit dem Frachtschiff ohne Ziel unterwegs

Mit dem Frachtschiff einfach mal mitfahren ohne genau zu wissen, wohin die Reise geht. Globoship-Mitarbeiter Urs Steiner hat sich auf das Abenteuer eingelassen und hat es nicht bereut.

Ein "Trampschiff" ist ein Frachtschiff, das - ähnlich wie ein Taxi - auf Bestellung mal Ladung von A nach B bringt um dann im Ballast nach C zu fahren, wo Ladung für den Hafen D zu laden ist. Wie bei einem Taxi weiss man - im Gegensatz zu einem Frachtschiff im Liniendienst - nur die ungefähre Region, in der sich ein Trampschiff bewegt und nicht genau, was für eine Route es fahren wird.

Die "Elke W" ist ein solches Trampschiff, das zwischen der finnischen Seenplatte und der Küste Portugals im Einsatz ist. Mit nur 82 Meter Länge ist sie eines der kleinsten Frachtschiffe, das Passagiere mitnimmt. Durch die Kompaktheit kann das Schiff aber Häfen anlaufen, die für die grossen Containerschiffe gar nicht zugänglich sind. Ein solcher Hafen war mein Einschiffungshafen: Siilinjärvi in Finnland. Ihr kennt den Hafen nicht? Kein Problem, ich kannte ihn auch nicht, als ich am Freitag erfuhr, wo ich am Dienstag einschiffen soll. Er liegt ungefähr 400 Kilometer im Innern von Finnland im Saimaa-Seengebiet. Und, wie sich herausstellt, ist der Begriff "Hafen" für den Hafen von Siilinjärvi übertrieben. Dieser besteht lediglich aus einer Pier, die zu einer nahegelegenen Düngerfabrik gehört. Ansonsten gibt es da nur Wald. Die Düngerfabrik ist auch der Grund, wieso die "Elke W" soweit ins Innere von Finnland gefahren ist. Es sollen knapp 2500 Tonnen Dünger geladen werden für Litauen.

Die Anreise nach Siilinjärvi war einfach. 4 1/2 Stunden mit der Bahn ab Helsinki. Am Bahnhof empfing mich der lokale Agent und fuhr mich gleich zum Schiff, wo ich die sechs Mannschaftsmitglieder der "Elke W" in der Messe, dem Speisesaal eines Frachtschiffes, beim Mittagessen vorfand.

Am Nachmittag wurde dann Dünger geladen bis um 17 Uhr Feierabend war. In der darauffolgenden Nacht schneite es und am Morgen nieselte es noch leicht. Da man Dünger nur bei trockener Witterung laden darf, drehten alle Däumchen und warteten auf besseres Wetter - ausser die Matrosen, die mussten die Ladeluken vom Schnee befreien.

Gegen 17 Uhr war es dann soweit, die "Elke W" war abfahrtsbereit. Es war Anfang Dezember und schon seit knapp zwei Stunden dunkel als wir uns langsam von der Pier entfernten und mit Hilfe eines Lotsen unseren Weg durch die verwirrende Seenlandschaft der Saimaa-Region in Angriff nahmen. Am Abend dann ein erstes Highlight, eine Schleuse. Auf dem Weg zum Meer muss mein Schiff eine Höhendifferenz von gut 80 Meter bewältigen. Die "Elke W" ist so gebaut, dass sie auf den Zentimeter genau in die Schleusen der Saimaa-Region passt. Da ist rechts und links vom Schiff kaum eine Handbreit Platz übrig wenn das Schiff mal in der Schleuse ist. Das verlangt absolute Präzisionsarbeit vom Kapitän.

Nach ungefähr 36 Stunden, wo wir durch weite Seen, schmale Kanäle und wohl ein gutes Dutzend Schleusen gefahren sind, erreichen wir den Finnischen Meerbusen. Bisher war die Fahrt absolut ruhig, da die Seen allesamt spiegelglatt waren. Das ändert sich schlagartig als wir das Meer erreichten. Die nächsten 48 Stunden waren ziemlich ruppig (was für den Dezember, wo ich an Bord war, durchaus normal ist), auch wenn die Wellen nicht übermässig hoch waren. Aber, so erklärte mir der Kapitän, die Ostsee sei nicht so tief und dadurch folgen die Wellen in kürzerem Abstand als zum Beispiel auf dem Nordatlantik. Durch den kurzen Abstand der Wellen holpert das Schiff buchstäblich über die Wellen, da das Schiff diese nicht schön ausfahren könne. Auf jeden Fall war ich froh, als wir dann morgens um zwei die Hafenmole von Klaipeda, dem ehemaligen Memel, passierten. Kaum angelegt begannen die Arbeiten zum Löschen der Ladung. Im Hafen von Klaipeda wird bei Bedarf 24 Stunden am Tag gearbeitet.

Am nächsten Tag passierte dann - nichts. Es regnete in strömen und die Luken blieben geschlossen. Das gab dem Kapitän, dem 1. Offizier und mir am Abend die Gelegenheit, die NFL-Spiele der American Football League bei einem Feierabendbier zu geniessen und engagiert zu kommentieren.

Am nächsten Tag war es trocken. Während die Entladearbeiten weitergingen, entschied ich mich für einen kurzen Landgang und besuchte das Stadtzentrum von Klaipeda, das bis vor 100 Jahren die nördlichste Stadt Deutschlands war. Am Abend will der Kapitän auslaufen und zwar hat er den Auftrag erhalten, nach Bornholm zu fahren, um dort Sand für Finnland zu laden.

Das mit dem Auslaufen am Abend wurde dann doch nichts. Es dauerte bis am nächsten Vormittag um 9 Uhr bis es wieder losging, hinaus auf die wütende Ostsee, die schon darauf lauerte, die "Elke W" wieder zu plagen auf ihrem Weg nach Bornholm. Felix, der Chefingenieur, empfahl mir, mal im Sommer zu kommen wenn es in Richtung Spanien/Portugal ginge, das seien dann ganz schöne Reisen. Das glaube ich ihm auch, nur ist das schwierig zu planen, da die Route meistens ja nur wenige Tage im Voraus bekannt ist.

Bornholm grüsste uns nach 24 Stunden Fahrt mit typischem Dezemberwetter, ziemlich garstig und trostlos. Zusammen mit dem 1. Offizier musterte ich da ab. Die "Elke W" fuhr noch am gleichen Abend wieder los in Richtung Finnland um ihren Sand abzuliefern. Dann - so kam die Nachricht - würde nochmals in Siilinjärvi Dünger geladen, dieses Mal für Lettland und Estland. Anschliessend ginge es wohl in Richtung Holland/Belgien, meinte der Kapitän bevor ich von Bord ging (es wurde schliesslich Amsterdam, wo das Schiff im Moment auf den nächsten Auftrag wartet).

Der 1. Offizier nahm mich mit seinem Mietwagen noch mit bis nach Flensburg, wo wir uns morgens um zwei Uhr verabschiedeten, ich ins Hotelzimmer, er zum Start seines zweimonatigen Heimaturlaubs.

Mein Fazit: Eine trotz teilweise schlechtem Wetter tolle Reise mit vielen neuen Eindrücken und einem Schiff, mit einer tollen Mannschaft, wo ich mich vom ersten Moment an wohl fühlte.

Für wen ist eine Reise mit der "Elke W" geeignet? Eine Standardreise dauert erfahrungsgemäss zwischen 12 und 17 Tagen, wobei der Einschiffungszeitpunkt und -ort erst wenige Tage im Voraus bekannt ist. Man muss also zeitlich wie geografisch flexibel sein. Als Gegenwert bekommt man ein Schifffahrtserlebnis, das noch etwas an die "gute alte Zeit" erinnert, wo noch nicht alles so durchgetaktet war wie es jetzt z.B. bei der Containerschifffahrt ist. Oft liegt man in ganz kleinen Häfen und befährt landschaftlich attraktive Küstenregionen wie eben die Saimaa-Region oder die Mälaren in Südschweden. Weitere Musterrouten findet ihr hier: www.globoship.ch/trampschiff