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Eye of the Wind vor einer dramatischen Wolken-Szenerie

Reisen in aussergewöhnlichen Zeiten: Segeltörn entlang der Ostseeküste

Urs Röthlisberger liebt es, auf dem Meer unterwegs zu sein, am liebsten mit einem Segelschiff mit gefüllten Segeln. Als einer der ersten Globoship-Kunden nach dem Lockdown hat er sich in diesen vom Coronavirus beherrschten Zeiten wieder aufs Wasser gewagt. Hier sein Bericht.

Tag 1: „Ursprünglich war mal eine Reise von Kopenhagen nach Göteborg geplant. Jetzt geht es nach vielen Änderungen also entlang der Ostseeküste Deutschlands. Einschiffung ist in Stralsund einer in den letzten 25 Jahren wunderschön restaurierten Hansestadt an der Ostsee. Unten am Hafen liegt etwas protzig und ohne Charme die historisch bekannte «Gorch Fock I», ein riesiger Segler aus Stahl. Daneben zwei lange Flussfahrt-Schiffe mit Schweizer-Flagge, auch nicht unbedingt ansprechend um an Bord zu gehen. Aber ganz unten liegt die «Eye of the Wind», ganz dunkel und mystisch aber auf den ersten Blick trotzdem elegant. Erinnert etwas an ein Piratenschiff. 


Tag 2: Immer noch klammern sie sich, wackeln bereits bedenklich. Werden immer grösser und schwerer, da immer neue Feuchtigkeit nachrutscht. Schauen sich etwas um, und auch weiter drüben an der Leine sitzen nun Kollegen. Regentropfen. Dann plötzlich ein Blitz und dann ein Wolkenbruch, sie werden beide hinausgespült, weggeschleudert und stürzen nun gemeinsam in die Tiefe, ohne Seil, ohne Fallschirm. Regentropfen - ich hab sie gezählt, ca. 11'310'000'000'000 Tropfen sind in diesen Tagen auf die Ostsee runtergegangen. 

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 Einen Seemann kann auch Regen nicht erschüttern

"Es sei doch nur ein kleiner Schauer" ruft der Captain. "Schauern gehören zum Segeln und jeder Schauer gehe vorüber. Nur bei richtig Wind und Sturm macht das Segeln so richtig Spass!" Tja - der kann schon reden, aber der Captain hat immer Recht. Seit Stunden schüttet es nun, wir alle haben unser Ölzeug übergezogen. Die Tropfen perlen ab, der Wind pfeifft von vorne aber mitten ins Gesicht, der Sturm zischt von hinten, die Wellen von der Seite. Herrlich tanzt unser Schiff über die riesigen Wellen, kämpft sich dank der gehissten Segel vorwärts. Das Herz eines jeden Seglers lacht. Der junge Kanadier Olivier ruft immer wieder "Awsome - that is sailing - AWSOME"

Irgendwie zieht es mich runter in die Koje um mich ein bisschen auf zu wärmen, aber nein - dann würde ich ja diese herrliche Szenerie verpassen. Ich bleibe an Deck und trotze dem Sturm. Der Wind wechselt etwas, die Segel müssen justiert werden. Alle Taue gehen weg vom Pin. Zusammen lassen wir die einen Taue etwas los und ziehen die anderen Taue wieder nach. Meine Büro-Hände sind längst aufgeraut durch die nassen und rauen Taue. Und wieder gilt es die Dutzenden Taue, die nun an Deck wild und verknotet rumliegen ordentlich zu versorgen - an den jeweiligen Pin aufzuschiessen. Hunderte Male haben wir das gemacht - immer Ordnung - ganz wichtig - deshalb immer Taue aufschiessen. Und kaum sind sie alle (und es gibt VIELE) schön aufgeschossen und gebündelt kommt das nächste Manöver und alle Taue müssen wieder weg vom Pin. Nachjustieren und wieder Aufschiessen.

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     Ordnung auf Deck

 

Tag 3: Schwäne auf dem Meer? Tatsächlich waren das Schwäne. Ich traute erst meinen Beobachtungen nicht so ganz. In eleganter 8er-Formation flogen sie über uns hinaus auf die Ostsee. Fliegende Schwäne beeindrucken mich immer wieder, aber diese 8 übten die Perfektion im Formationsfliegen, fast so wie jeweils die Patrouille-Suisse. Schwäne waren bisher für mich Vögel auf Binnenseen, aber ich musste mich eines besseren belehren lassen. 

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 Schwäne über der Ostsee


Tag 4: Das stürmische und windige Wetter verursachte natürlich auch Wellen und wenn man auf dem Meer unterwegs ist, dann sind Wellen selbstverständlich. Mal grosse Wellen, mal noch grössere Wellen. Das Sturmtief in der Nordsee schickte die Sturmwellen hinüber in die Ostsee. Unser Schiff kämpfte sich problemlos durch diese hohen Wellen, mal direkt von vorne, mal etwas ungünstig quer von der Seite, mal von hinten, rauf und runter, ideal um seekrank zu werden. Aber kein Problem für mich, ich stand oben an der Reling und genoss das Spektakel. Die Dünung war so weit, dass sich auf den einzelnen Wellen wiederum kleinere Wellen formen konnten, also kleine Wellen auf einer anderen Grossen Welle, aber nicht unbedingt dieselbe Richtung. Und weil der Wind brauste, bildeten sich auch noch kleinste Krausewellen auf diesen kleinen Wellen. Etwas gar viele Wellen - aber cool war das Spektakel alleweil. Und weil es bis zu Windstärke 8 hatte, bildete sich auf jeder grossen Welle auch noch wilde Schaumkrönchen - wunderbar...

 

Tag 5: „Satiated!“ rief der junge Olivier aus Canada nach dem Essen mit seiner tiefen Stimme. Ich musste das Wort zuerst nachschlagen. Ja tatsächlich gesättigt waren wir alle. Satiated - wohl auch abgeleitet vom Wort Satisfaction, also rundum zufrieden, kulinarisch, aber auch grundsätzlich, zufrieden und satt und glücklich. Die Köchin auf dem Schiff hat täglich einen fantastischen Job gemacht! Immer wieder zauberte sie herrliche Menus auf den Tisch. Ich war zuerst etwas skeptisch, aber auch britische Köche verstehen ihr Metier. Unglaubliche Portionen vermochte man da jeweils zu tilgen. Einerseits war man durch die frische Luft und die körperliche Anspannung immer hungrig und auf der anderen Seite war das Essen tatsächlich wunderbar, so dass man sich problemlos jeweils eine zweite Portion gönnte.

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Speisesaal der «Eye of the Wind»

Und ach ja, der Coronavirus: Die Reise wurde umorganisiert, statt Schweden und Dänemark ging der Törn entlang der deutschen Ostseeküste. Aber auch das hatte seine positiven Seite, ich wäre wohl sonst nie nach Rügen gekommen. Beim Eintreffen auf der «Eye of the Wind» wurden wir im Detail in das Sicherheitskonzept eingeführt. Die eine Treppe zu den Kabinen wurde nur für das Runtersteigen geöffnet und die andere Treppe war für das Hochgehen vorgesehen. In den ersten Stunden tauschten sich Crew und die Mitsegler aus um so auf alle Bedürfnisse Rücksicht zu nehmen. Wir waren alles pragmatische Reisende und konnten so auch die Reise pragmatisch geniessen und haben dabei Corona für eine Woche komplett vergessen. Natürlich respektierten wir den notwendigen Abstand, beim Essen blieben wir vorsichtig, aber eine Maske trugen wir die ganze Woche nie. Draussen auf dem Ozean bei Sturm und Wetter werden diese Viren ja sicher sofort weggestürmt. Es war wohltuend nach all den einschränkenden Massnahmen und Vorschriften mal wieder komplett frei zu sein. Eindlich wieder etwas längst vergessene "Normalität".

 

Fotos: Titelbild und Speisesaal Copyright Eye of the Wind, restliche Bilder Urs Röthlisberger/https://urssolo.blogspot.com/